El Hierro

ValverdeDie kleinste Insel der Kanaren ist diejenige, die früher, als die Erde noch eine Scheibe war, als das Ende der Welt angesehen wurde. Ein kleines Bisschen ist das auch heute noch so. El Hierro birgt ein kleines, ein sanftes Geheimnis. Man kann es fühlen aber nicht aussprechen. Man wird getroffen, aber nicht verletzt. Es ist etwas, das auf einer einsamen Insel am Ende der Welt geboren wurde, wo der Lebensrhythmus von steilen Bergen bestimmt wird und wo hunderte von Jahren nur freigeräumte Lavawege und Eselspfade die einzige Verbindung zwischen vierzehn Weilern und der Hauptstadt mit dem schlichten Namen La Villa (die Stadt) existierten. Etwas das auf einer Insel gewachsten ist, die fruchtbar ist, die bis 1926 keine Straßen hatte und bis 1945 kein Telefon kannte und deren Einwohner unbeeinflusst von der Hektik des modernen Lebens da draußen geblieben sind.

“¡Tranquilo, tranquilo!” (langsam, lamgsam) sagen sie und lüften lachend ein wenig vom Geheimnis. “Sieh’, wie die Hunde auf den Straßen schlafen.” Auf Hierro gehen die Uhren - wenn vorhanden - anders. Wenn man zum Beispiel fragt: “Wann denn die nächste Lucha Canaria, der kanarische Ringkampf, stattfindet, wird einem gesagt: “Bleib erst mal hier Amigo und sauge etwas Sonne auf.”

Als ich vor einigen Jahren auf der Suche nach dem berühmten Garoë-Baum war, fragte ich den Wirt einer kleinen Bar nach dem Weg dorthin. Der sagte mir: “Wir brauchen hier kein Schild, wir wissen ja wo er ist” und lachte. Dann machte er seine Bar für diesen Tag zu und führte mich hin.

Tranquilidad (Ruhe oder Geruhsamkeit), so heißt seit Jahrhunderten das kleine Zauberwort für eine Verschwörung mit 10.760 Mitwirkenden. Gewachsen aus Vertrauen und Notwendigkeit und bis heute von den Inselbewohnern bewahrt. Hier zählen Freundschaften mehr als alles andere. Bis vor einigen Jahren war die Alternative zum mühevollen Landleben das Auswandern nach Kuba oder Venezuela. Auf den Speisekarten findet man immer noch arroz cubana – Kubanischer Reis.

Juan Francisco LeónDer wohl berühmteste Sohn der Insel ist Juan Francisco de León. Der führte in Venezuela einen Aufstand gegen die Spanier an. Die meisten Herreňos haben familiäre Wurzeln in Südamerika, d.h. von den einst dorthin ausgewanderten kamen viele - wenn auch erst nach Generationen - wieder zurück. Es kann gut sein, dass der alte Mann, der da weltvergessen Feigen auf seiner Finca erntet und so aussieht, als hätte er diese nie verlassen, soeben von einer spannenden Reise zurückgekommen ist.

Viele der Emigranten haben mit ihrer Arbeit in kleinen Läden oder Hotels in Übersee geholfen, ihre Verwandten auf El Hierro finanziell unter die Arme zu greifen. Viele sind wohlhabend und dankbar zurückgekommen und haben das demonstriert, indem sie ihr Vaterhaus mit neuen Fassaden und Marmor-Inschriften wie: “Gracias Venezuela” ausgestattet haben. In vielen Familien wird zu Weihnachten noch Hallacas - eine Spezialität in Venezuela aus Fleisch und Gewürzen, die in Bananenblättern gedämpft wird. Leicht überheblich sagen die satten Leute: “Die da drüben essen immer noch die Blätter mit” und amüsieren sich dabei.

Natürlich verlassen immer noch junge Leute die Insel, angelockt vom Disco-Trubel von Teneriffas Süden. Aber der Lebensstandard auf El Hierro ist gestiegen und viele bleiben da. Einige gehen ins Ausland, um den Militärdienst zu umgehen, um dann zurückzukehren. Denen bedeutet ein ruhiges Leben mehr als viel Geld zu machen.

Weil sich Canarios von den anderen Inseln und Fremde der Verschwörung “Tranquilidad” immer mehr anschließen, ist die Einwohnerzahl sogar gewachsen. Nach und nach entstanden Ferienbungalows, bessere Straßen mit neuen Miradores (Aussichtspunkten) und die Landebahn des Flughafens wurde für größere Flugzeuge fit gemacht. Die “Tranquilidad” ist bald nur noch in der Hochebene, in der Nisdafe, zwischen wilden Blumen und Bienen und an der tiefblauen Küste von El Golfo unter den alten Pinien von El Julan zu finden. In der Geschichte der Insel findet man sie immer wieder. Es dauerte zwölf Jahre, bis die erste Straße der Insel fertig gestellt war. Die Straße nach El Golfo wurde 1914 geplant und 1962 befahrbar.

Der Versuch, im Jahr 1914 Telefone zu installieren, scheiterte am Desinteresse der Bewohner. “Tranquilidad” in seiner reinsten Form.

Teneriffa Information

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