Oben, in La Esperanza, da wo 1936 Generalísimo Franco zur “Nationalen Erhebung” aufgerufen hatte, tragen die Menschen im kanarischen Winter bis heute noch ihre Manta Esperanza – das ist ein knöchellanges Cape aus doppeltem Schafwoll-Stoff. Dieses Kleidungsstück ist winddicht, wasserfest und wärmend in Einem. Hier in der Gegend auf der nördlichen Inselseite wird es im Winter auf 850 Meter Höhe oft ungemütlich – besonders bei Regenwetter.
Bei 15° C sitze ich in der Wohnküche bei Anna María Estévez und Alfredo Alfaro. Im Kamin knistern Pinien-Scheite. Während die beiden Schwiegertöchter fingerfertig Pullover stricken, strecken sie die Füße der Glut entgegen. Anna Maria stellt guten wohlschmeckenden kanarischen Hauswein und milden Ziegenkäse auf den Tisch. Zur Feier meines Besuches hat sie einen Topf mit Öl erhitzt und brutzelt darin Maronen – pellt sie eilig und serviert sie noch heiß.
Auf dem Gelände steht das Haupthaus mit mehreren nachträglich angebauten Schlafzimmern. Jede Heirat im Familienkreis macht einen weiteren Anbau notwendig und das Gebäude expandiert in die Breite. Nur wenn irgendwann Geld übrig ist, wird verputzt. Deshalb sehen die Dörfer auf Teneriffa irgendwie halbfertig aus. Auf dem großen Vorplatz stehen zwei Orangenbäume die so viele Früchte tragen, dass sich die Äste fast zu Boden neigen. Dazwischen hängt Wäsche und an der Wand hüpfen mehrere gelbe Kanarienvögeln in ihren Käfigen munter hin und her. Die beiden Hunde beobachten mich kritisch.
Vater Alfredo teilt das Schicksal von vielen Tinerfeños – er ist arbeitslos. Ob sich daran bis 2015 etwas ändern wird, bleibt fraglich. Dann geht er in Rente. Die Arbeitslosenunterstützung von 430 Euro reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben. Vater Alfredo arbeitet, wie die meisten in so einer Situation, schwarz. Er schreinert, pinselt, schweißt und mauert. In guten Zeiten kommt er so auf 800 Euro. Anna Maria führt in Santa Cruz an vier Tagen einen Haushalt und verdient rund 800 Euro. Zur Hausgemeinschaft gehören auch noch zwei Söhne, Fernando und Alfredo jr mit ihren Frauen. Weil die Männer ein gutes Einkommen haben, müssen die jungen Frauen nicht arbeiten. Alfredo jr. Arbeitet bei einem Transport-Unternehmen und Fernando ist im Hotelbereich tätig.
Für alle ist es selbstverständlich in der großen Familiengemeinschaft zu leben. Die Ernte der Kartoffeln, des Gemüses, der Zwiebeln, des Kohls und des Salates wird gemeinsam erledigt. Damit ist die Grundversorgung gesichert. Den angebauten Mais verzehren sie frisch und der Überschuss wird zum traditionellen Gofio verarbeitet. Die Milch liefern die zwei Ziegen und für das morgendliche Frühstücksei sorgen 11 Hühner. Für deren Fortpflanzung sorgt der Hahn des Nachbarn. Die Kastanienbäume auf dem Grundstück liefern so viele Früchte, dass man damit ein Geschäft machen könnte. Aber, solange der kleine Wohlstand anhält, verschenkt Anna María diese Köstlichkeiten lieber.
Zwischenzeitlich haben sich fast alle Familienmitglieder in der Wohnküche eingefunden: Die Schwiegermutter – leicht Gaga, aber wohl gelitten, trägt eine typische Manta und einen Strohhut. Auf einen Stock gestützt steht Tante Theresa, die aber für ihre 86 Lenze noch recht flink ist. “Das macht die lebenslange Arbeit, die Waldluft beim Einsammeln von Piniennadeln und natürlich der Wein”, sagt sie. Und natürlich jeden Tag Gofio, klar doch. Die Alten kennen keine Mahlzeit ohne das geröstete Maismehl. Theresas Rezept zum alt werden: Ein Glas Bier, einen Esslöffel voll Zucker und einen gehäuften Löffel Gofio – Brrr.
Isabel, die Enkelin kommt aus der Schule dazu. Mit Begeisterung erzählt sie von ihrem musikalischen Hobby. In ihrer Folklore-Gruppe spielt sie eine Gitarre, die einer mittelalterlichen Laute ähnelt und hier Laud genannt wird. Jeden Donnerstag gibt sie das Gelernte an Anfänger weiter. Tante Theresa kennt kein Halten mehr und trällert eine kastilische Volksweise, die Schwiegermutter trommelt den Takt dazu mit den Füßen und summt die Melodie mit. Im Gehen, zeigt man mir noch ein Kästchen, den Heiligenschrein worin die Nachbildung der Inselheiligen, der Madonna von Candelaria, enthalten ist. Rund 35 Familien im Ort teilen sich die Reliquie. Jeden Abend wird sie in eine andere Familie weitergegeben, damit auch dem Nachbar der Schutz der Heiligen zuteil wird. Kontaktschwierigkeiten kennt man in dem Dorf nicht. Täglich trifft man sich um sich über Gott und die Welt zu unterhalten. Die hektischen Urlauberzentren sind ja so fern…..
