Nur fünf Tage hat sich Alexander von Humboldt während einer seiner Forschungsreisen auf Teneriffa aufgehalten. Die Insel verdankt ihm trotzdem viel. Von Tacoronte aus ritt er mit einem Maultier über La Orotava zum Hafen Puerto de la Orotava, der heute unter dem Namen Puerto de la Cruz bekannt ist. Beim Anblick des beeindruckenden Orotava-Tals soll er auf die Knie gesunken sein und seinen viel zitierten Ausspruch gemacht haben (die Langversion findet sich unten). Heute halten an dieser Stelle die Ausflugsbusse. Der Platz wurde aufwendig neu gestaltet und nie wieder geöffnet. Jetzt verwahrlost er und beleidigt das Auge des Betrachters. Wenn man vom “Humboldtblick” das Ototava-Tal zwischen Gebirge und Atlantik überblickt, kann man die Begeisterung des Forschers verstehen. Zwei Vulkanhügel ragen heraus. Dahinter erstreckt sich der Bergzug des Tigaiga und darüber thront der Teide. Heute durchschneidet die Autobahn das Idyll und es stehen mehr (Hoch)häuser im Tal.
Doch zurück zu Humboldt und den Ergebnissen seiner Forschungsreise: Teneriffa ist die Insel, wo auf kurzer Strecke von Höhe null eine Gipfelhöhe von 3.218 Metern erreicht wird. Damit kann man auf engstem Raum verschiedene Stufen der Vegetation beobachten.
Als erster erkannte Humboldt die Gesetze der Geobotanik und begründete mit der Pflanzengeographie eine neue Wissenschaft. Mühevoll bestieg er den Teide (von la La Orotava aus und zurück). Die reine Gehzeit betrug 21 Stunden. Er beschreibt die Begegnung mit den Neveros, das waren Einheimische, welche das Eis vom Vulkan in die Ortschaften brachten und verkauften. Das war selbst im Sommer noch möglich, weil in der Cueva del Hielo das ganze Jahr Eis vorhanden ist. In seinem Bericht ist auch die Rede von den Reisebegleitern, die noch nie auf dem Gipfel des Teide waren: “Leider trug die Faulheit und der üble Wille unserer Führer viel dazu bei, uns das Aufsteigen sauer zu machen. […] sie setzten sich alle zehn Minuten nieder, um auszuruhen; sie warfen hinter uns die Handstücke Obsidian und Bimsstein, die wir sorgfältig gesammelt hatten weg […].” Und auf dem Weg nach unten stellte Humboldt verärgert fest, dass die Träger den Malvasier-Wein ausgetrunken und die Wassergefäße zerbrochen hatten.
Keine Unbill, weder Wind und Kälte auf dem Berg (”Wir waren starr vor Kälte, obgleich der Thermometer etwas über dem Gefrierpunkt stand”) konnten Humboldt stoppen und er notierte mit klammen Fingern seine Beobachtungen, die er in leicht verständliche Worte kleidete. Weil er den Sonnenaufgang auf dem Gipfel erleben wollte, nächtigte er “ohne Zelt und Mantel” an der Estancia de los Ingléses. In der Nacht um 3 Uhr wurde die Ersteigung des Kraters “beim trüben Schein einiger Kienfackeln” begonnen. Um 4 Uhr, 48 Minuten und 55 Sekunden “wahrer Zeit” erblickte Humboldt den obersten Rand der Sonne.
Um die Höhe des Teide allgemein verständlich zu machen schrieb er: “Wenn sein seit Jahrhunderten halb erloschener Krater Feuergarben auswürfe, wie der Stromboli der Äolischen Inseln, so würde der Pik von Teneriffa dem Schiffer in einem Umkreis von mehr als 1.170 Km als Leuchtturm dienen.”
Humboldt hat der Vulkanologie neue Impulse gegeben. Erstmals betrieb er ökologische Landschaftsforschung, die Naturwissenschaft erhielt neue Erkenntnisse. Seine Forschungsergebnisse trug er an der Universität von Berlin vor.
Folgendes schrieb Alexander von Humboldt 1799 über das Orotavatal und Teneriffa:
“Wenn man ins Tal von Tacoronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land, von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeisterung sprechen. Ich habe im heißen Erdgürtel Landschaften gesehen, wo die Natur großartiger ist, reicher in der Entwicklung organischer Formen; aber nachdem ich die Ufer des Orinoko, die Kordilleren von Peru und die schönen Täler von Mexiko durchwandert, muß ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so anziehendes, durch die Verteilung von Grün und Felsmassen so harmonisches Gemälde vor mir gehabt zu haben.
Das Meeresufer schmücken Dattelpalmen und Kokosnussbäume; weiter oben stechen Bananengebüsche von Drachenbäumen ab, deren Stamm man ganz richtig mit einem Schlangenleib vergleicht. Die Abhänge sind mit Reben bepflanzt, die sich um sehr hohe Spaliere ranken. Mit Blüten bedeckte Orangenbäume und Zypressen umgeben Kapellen, welche die Andacht auf freistehenden Hügeln errichtet hat. Überall sind die Grundstücke durch Hecken von Agave und Kaktus eingefriedet. Unzählige kryptogamische Gewächse, zumal Farne, bekleiden die Mauern, die von kleinen klaren Wasserquellen feucht erhalten werden . Im Winter, während der Vulkan mit Eis und Schnee bedeckt ist, genießt man in diesem Landstrich eines ewigen Frühlings [...]. Sommers, wenn der Tag sich neigt, bringt der Seewind angenehme Kühlung.”
