Reichtum und Armut auf Teneriffa

Santa Cruz de Tenerife 1924In den Straßen der barocken Stadt La Orotava, im Norden von Teneriffa, die durch den Anbau und Handel mit Wein einen gewissen Reichtum erlangen konnte, kann man heute noch den damaligen Wohlstand erahnen, den die Insel im 18. Jahrhundert genossen hat. Selbst Santa Cruz de Tenerife, das damals ein kleiner unbedeutender Hafen gewesen ist, beherbergt die prächtige Casa de la Carta (Casa de los Hamilton) mit seinem aus Teakholz geschnitzten Kreuzgang.

Castillo de San Miguel - Santa CruzTeneriffa kann ein reiches kulturelles Erbe sein Eigen nennen. Über 60 Prozent des Weinhandels wurden in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts über Teneriffa abgewickelt. Genauso hielt die Insel den größten Anteil der Handelskonzessionen mit der neuen Welt. Den Regelungen von 1718 nach wurde Teneriffa zum Beispiel der Export von 600 Tonnen Ware nach Indien erlaubt – Gran Canaria durfte nur 150 Tonnen nach dort schicken. Als man im Jahr 1778 einigen privilegierten Häfen den Handel ohne Einschränkung erlaubte, war nur der Hafen von Santa Cruz als Einziger der Kanarischen Inseln dabei.

GarachicoEtwa um 1770 produzierte Teneriffa doppelt so viel Getreide, viermal mehr Wein und dreimal so viel Kartoffeln, wie die anderen Inseln des Archipels. Innerhalb von 100 Jahren stieg die Zahl der Bevölkerung um über 60 Prozent auf 70.000. Demgegenüber ergab eine Volkszählung auf Gran Canaria nur 40.000 Einwohner. Die erfolgreiche Ökonomie Teneriffas brachte den Wohlstand. Die Auswirkungen dieser Entwicklung waren auch auf kultureller Ebene spürbar. Nirgendwo sonst auf den anderen Inseln gab es ein adäquates kulturelles Leben. Aus dem Salon der Casa Nava Grimón in La Laguna gingen spätere spanische Berühmtheiten hervor. Darunter war auch Tomas de Iriarte, der Bibliothekar des Königs, und José de Viera y Clavijo, ein bedeutender Historiker, dessen Hauptwerke sich mit den Kanarischen Inseln beschäftigen.

GarachicoIm Jahr 1788 legte man den Botanischen Garten von La Orotava an, währenddessen man sich in La Laguna um die Gründung einer Universität bemühte. Doch diese Bemühungen sollten scheitern. Viera y Clavijo schrieb 1776 über den Aufstieg und den Fall Teneriffas: “Die goldenen Zeiten verblassen im Dunkel des Vergessens”. Er kritisierte den Mangel an klugen Köpfen, an Ideen, die ferne bürokratische Regierung auf dem Festland und die Wasserknappheit sowie die südlichen Winde, die Heuschrecken auf die Insel wehten. Weiter hatte er an dem Nordost-Passat auszusetzen, dass er Piraten auf die Insel führe. Vor allem stellte er fest, dass die Nachfrage nach kanarischem Wein stark nachlasse.

GarachicoDer Handel schlitterte für den Rest des Jahrhunderts in eine ernsthafte Krise. Der amerikanische Freiheitskrieg ließ den Handel mit der neuen Welt fast völlig zum Erliegen kommen. Waren zunächst die Handelserleichterungen von 1778 Willkommen geheißen worden, machten sie jetzt die Konkurrenz von der Iberischen Halbinsel stark. Nur die besondere Situation während der Napoleonischen Kriege und der Französischen Revolution verbesserte kurz die Handelsergebnisse. Nachdem man 1797 den Angriff von Admiral Nelson erfolgreich abgewehrt hatte, ruderten einige mutige Bewohner auf den Atlantik hinaus, um den besiegten Admiral ein Weingeschenk zu machen. Ganz ohne Eigennutz war diese Geste nicht und hätte dem Weinhandelsgenie John Colgan sicherlich gefallen. Tatsächlich wurde die britische Armee bis zum französisch-britischen Frieden von 1815 ein wichtiger Konsument kanarischen Weines.

La Laguna 1888Zeitgleich drohte Teneriffa zusätzliche Ungemach durch die Revolutionen in Südamerika. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die kanarischen Auswanderer noch finanzielle Mittel für ihre Familien geschickt. Das Ausbleiben dieser lebensnotwendigen Unterstützung stürzte viele in tiefes Elend. Wer Santa Cruz de Tenerife heute besucht, wird durch den herrschenden Reichtum in die Irre geführt. Das Freimaurer-Auge des Tempels in der Calle San Lucas spiegelt die Vorrangstellung einer plutokratischen Bourgeoisie wieder. Die Springbrunnen aus bestem Keramik-Material des Parque Sanabria, nebst den umliegenden Villen legen Zeugnis vom ehemaligen Wohlstand ab. Unübersehbar ist die Prunksucht der damaligen Emporkömmlinge im viktorianischen Teatro Guimera.

La LagunaAber Santa Cruz ist untypisch. Der Hafen, der bis zum 18. Jahrhundert noch als bescheiden anzusehen war, wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts zur Hauptstadt des Archipels und war Standort sämtlicher Amtsstellen der Regierung. Fast alle Gebäude stammen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Gerade als die Dampfschifffahrt zu neuem Leben erwachte.

La OrotavaNächster Export-Schlager wurde die Koschenille-Laus, die man sich 1825 aus Mexiko holte. Auf Teneriffa war man von der Laus, die roten Farbstoff liefert, nicht sehr angetan. Die Botaniker von La Orotava störten sich an dem Schaden, den die Laus dem heimischen Wald zufügte. Weil sich die Koschenille-Larven ausschließlich an den Feigen-Kakteen entwickeln können, verdrängte sie oft Kiefern-Bäume, Weinstöcke und Zuckerrohr. Abgesehen davon sind die Kakteen nicht gerade eine Augenweide und den Grundwasserspiegel senken sie auch noch ab. Das Problem löste sich von ganz allein durch das Aufkommen chemischer Farbstoffe zwischen 1870 und 1880.

Puerto de la Cruz 1888Eine Befreiung aus der Abhängigkeit jeglicher Mono-Kulturen auf der Insel war nur durch eine Rückkehr zum System eines Freihandels wie im 16. Jahrhundert zu erreichen. Die zunehmende Verlagerung des europäischen Kolonial- und Handelssegments nach Westafrika und die aufkommende Dampfschifffahrt im 19. Jahrhundert ließen das Pflänzchen Hoffnung aufkeimen. Die Spanier folgten dem portugiesischen Beispiel im Atlantik und erklärten 1852 jeweils einen Hafen pro Insel zum Freihafen – nur Teneriffa erhielt mit Santa Cruz de Tenerife und Puerto de la Cruz zwei davon. Zu Beginn dieser Periode zog Teneriffa den größten Nutzen aus seinem Status als Hauptstadt. Einen Großteil der Subventionen steckte sich die Stadt in die eigenen Taschen. Nur so konnte die erste Hauptstraße des Archipels gebaute werden – von La Orotava nach Santa Cruz. Erst 1876 wurde sie bis nach Güímar ausgebaut. Gran Canaria hatte bis dahin nur 16 Kilometer ordentliche Straße vorzuweisen und fühlte sich dementsprechend benachteiligt.

Puerto de la CruzDas änderte sich jäh, als der kanadische Politiker Fernando Leon y Castillo, der seine Hausmacht auf Gran Canaria hatte, 1881 ein Hafenausbau-Programm für Las Palmas durchsetzte. Bereits im Jahr 1887 war das Verkehrsaufkommen von Las Palmas höher als das von Santa Cruz und 1890 führten ausländische Investitionen, meist britische, zu einem nie geahnten Wirtschaftswachstum. Aber an den westlich gelegenen Inseln geht der neue Reichtum nicht vorbei – dem Hafen von Santa Cruz sei Dank. Nicht zu vergessen der in den achtziger Jahren boomende Bananenanbau.

Puerto de la Cruz 1950Die wirtschaftlich gut verwertbare “Chinesische Banane” wurde wohl 1855 von dem französischen Gesandten Sabine Berthelot eingeführt. Der betrieb auch naturhistorische und ethnologische Studien auf den Inseln. Eigentlich war die Frucht schon im 16. Jahrhundert in anderen Formen auf Teneriffa bekannt und der englische Kaufmann Thomas Nichols empfahl zum Beispiel: “Am besten wird sie schwarz gegessen, dann schmeckt sie süßer als jede Praline”. Doch es dauerte bis 1880, als sie von dem einheimischen Händler Pedro Reid zum ersten Mal exportiert wurde. Wolfson & Fyffe bauten ihr Imperium auf und in den 90ern eröffneten Elder & Dempster mit ihren Kühlschiffen vorher nicht gekannte Exportmöglichkeiten für die so verderbliche Frucht. Noch im Jahr 1913 war das Orotava-Tal fast ausschließlich mit Bananen-Stauden bepflanzt. Jährlich dreieinhalb Millionen Bananen verließen die Inseln Teneriffa, Gran Canaria und La Palma.

Santa Cruz de Tenerife 1937Doch auch diesmal ließ sich der wirtschaftliche Niedergang nicht aufhalten. So wie schon der Zuckerhandel gegen Ende des 16. Jahrhunderts und der Weinhandel und die Koschenille Produktion im frühen 19. Jahrhundert, verschaffte der erste Weltkrieg dem Bananen-Handel eine empfindliche Einbuße. Die Briten kontrollierten die Seewege und damit die internationalen Wirtschaftsverbindungen während des Krieges. Die Kanarischen Inseln litten viel stärker darunter als das Festland. Um über 80 Prozent ging die Ausfuhr zwischen 1913 und 1917 auf den Inseln zurück. Das hatte eine Flut von Auswanderern nach Amerika zufolge. Am Hauptpostamt in Santa Cruz wurden extra Briefkästen für den Postverkehr mit Kuba und Venezuela aufgestellt.

Santa Cruz de TenerifeNur langsam erholten sich Teneriffa und die anderen Inseln von diesem Niedergang. Der neue Aufschwung wurde stark von weltweiten Rezessionen und Depressionen gehemmt. Erst 1950 erreichte Santa Cruz de Tenerife wieder seinen Vorkriegs-Umsatz. Die Träume von einer Vorherrschaft über die anderen Inseln wurden durch das wirtschaftliche Desaster zunichte gemacht. Die kommende Zweiteilung des Archipels war nicht mehr zu verhindern. Santa Cruz de Tenerife wurde zum regionalen Zentrum für Teneriffa, La Gomera, El Hierro und La Palma. Man tröstete sich damit, dass die eigene Provinz größer und stärker besiedelt war. Trotzdem war Las Palmas auf Gran Canaria die weitaus urbanere Stadt.

Santa Cruz de TenerifeAls im Jahr 1931 die Zweite Spanische Republik ausgerufen wurde, keimte noch einmal Hoffnung unter den Tinerfeños auf, dass es eine Art Bundes-Autonomie geben könnte, mit Santa Cruz als Hauptstadt – eine Selbständigkeit, wie sie schon vorher anderen spanischen Provinzen zuteil geworden war. Eine Versammlung in Santa Cruz unter der Führung des exzentrischen Gil Roldans verlangte diesen Status. Verkündet wurde von den Abgeordneten: “Das grundlegende Anliegen […], dass der kanarische Archipel, bestehend aus freien Gemeinden auf den autonomen Inseln, zu einer natürlichen regionalen Einheit erklärt und die volle Autonomie unter der Souveränität der spanischen Krone garantiert wird”. Von der Republik kam diese Garantie aber nicht und der Bürgerkrieg machte alle Hoffnungen zunichte.

Santa Cruz de Tenerife - Avenida de Anaga 1940Trotzdem - der Grundstein war gelegt. Es dauerte allerdings bis 1978, bis die Kanaren dann doch zu einer von vierzehn autonomen Regionen erklärt wurden. Eine selbständige Cabildo-Regierung auf jeder der Inseln der Kanaren. Die Bevölkerung ist auch heute noch häufig dem Diktator General Franco und seinem Bürgerkrieg zugetan. Das Ergebnis des Spanischen Bürgerkriegs war in gewisser Hinsicht auch für die Kanaren ein Sieg. Nicht etwa, weil Franko seine Kampagne am 18. Juli 1936 in Teneriffa begonnen hatte, als er nach Afrika floh und dort seine Rebellen-Truppe um sich versammelte, oder gar, weil die Canarios sich besonders in der nationalistischen Sache engagiert hätten. Nein, gerade unter dem protektionistischen und autoritären Regime war das Freihafen-Privileg von großer Bedeutung. Die Inseln konnten weiterhin die ökonomischen Vorteile des freien Handels genießen und sich so wirtschaftliche Überlebensnischen verschaffen. Nicht ohne Grund fährt der mit dem Schiff kommende im Hafen von Santa Cruz am Siegesdenkmal des Generalissimo vorbei und fast direkt am Ufer verbreiten die martialischen Cabildo-Gebäude, der große Art-deko-Turm und Säulengang irgendwie eine merkwürdige Atmosphäre.

Santa Cruz de Tenerife - Camino La Noria 1893Durch die Zwischenstation Santa Cruz für die Übersee-Schifffahrt mit den Produkten Bananen, Tomaten, Tabak, Kartoffeln, Fischerei und der Veredlung von Lebensmitteln brachte die Franco-Ära einen unerwartet schnellen Wohlstand – zumindest für Einige. Dann, in den 60er Jahren, diversifizierte sich die Landwirtschaft und konnte sich den Schwankungen des Marktes wesentlich besser anpassen. Gleichzeitig revolutionierte der beginnende Touristen-Boom die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen auf den Inseln. Zwar profitierten die östlichen Inseln mit ihren vielen Stränden zuerst vom Urlauber Ansturm, aber Teneriffa holte bald auf. Der Reichtum an Natur und die abwechslungsreichen Landschaften kamen den sich wandelnden Urlaubsvorstellungen der Reisenden gerade recht. Auch jetzt ist das Potential des Landesinneren von Teneriffa, La Gomera, La Palma und El Hierro längst nicht erschöpft. Fast scheint es paradox, dass das Überleben der kanarischen Tradition heute besser ist als noch im 19. und 20. Jahrhundert. Die Zurückstellung des kompromisslosen Fortschritt-Kultes, selbstbewusste kanarische Regierungen und die vermehrte Nachfrage nach einheimischer Kultur unterstützen eine Politik mit bewahrendem Charakter.

Santa Cruz de TenerifeSchnellstraßen und Tragflächen-Boote machen es möglich innerhalb weniger Stunden von einem der zwei Flughäfen auf Teneriffa mitten im Dorf Chipude, das in der Wildnis von La Gomera liegt, zu gelangen. Andernorts bedrohen die schnellen Verbindungswege die Tradition - hier garantieren sie den dörflichen Charakter und die althergebrachte Handwerkskunst.

 

 

Santa cruz de Tenerife Das Orotava-Tal

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