Man kann nur ahnen, wie viele Urlauber die Insel Teneriffa besuchen und sich nie an einen der Strände legen. Auf jeden Fall sind es eine Menge, die sich für die vielfältige Pflanzenwelt der Insel interessieren – vor allem für die endemischen Pflanzen, die es sonst nirgendwo gibt.
Zuerst ein paar Zahlen: 1955 wildwachsende Gefäßpflanzen (Samen- und Farnpflanzen) gibt es auf dem Archipel. Davon gedeihen 175 nur auf den Kanaren und nur da. Und 137 nur auf Teneriffa. Der Vielfalt wegen, beschränken wir uns hier auf jene endemischen Pflanzen, die ihnen bei Rundfahrten und Wanderungen auffallen werden.
Meistens fängt die Pflanzenexkursion auf Teneriffa mit einem Irrtum an. Überall an den Hängen gedeiht ein Gewächs, das meistens für eine Kakteenart, deren Arme meterhoch gen Himmel wachsen, gehalten wird. Cardón wird sie von den Einheimischen genannt. Im Deutschen ist sie als Säuleneuphorbie oder Kandelaber Wolfsmilch bekannt. Und schon da kann man erkennen, dass es sich nicht um eine Kaktee handelt sondern eben um ein Wolfsmilch Gewächs. Endgültige Sicherheit gewinnt man, wenn man einen der Triebe anritzt. Es quillt eine Milchig aussehende Flüssigkeit hervor. Aber Vorsicht, der Saft ist ätzend und hinterlässt auf Haut und Kleidung permanente Flecken! Von April bis Juli sitzen auf den Spitzen der Arme Blüten, die sich aus rötlichen, dreiteiligen Kapseln zusammensetzen.
Gleich in der Nachbarschaft steht die Tabaiba, die, auch wenn es nicht so aussieht, mit dem Cardón verwandt ist. Sie bildet runde Polster aus, manche bis zu 20 Meter Umfang und gehört zu den Wolfsmilch-Gewächsen. Man sagt, dass sie zu den am weitesten verbreiteten Pflanzen auf Teneriffa gehört. Zwischen Januar und März sprießen gelbe Blüten hervor. Im langen Insel-Sommer wirft die Tabaiba die Blüten und auch die Blätter ab.
Hellgrüne Rosetten, die bis zu 30 Zentimeter Durchmesser erreichen, leuchten oft auf felsigem Untergrund. Hier handelt es sich um ein Sempervivum oder Aeonium, deren fleischige und dicke Blätter in der Lage sind, viel Feuchtigkeit zu speichern. Von April bis Juni schieben sich weißgelbe, pyramidenförmige Blütenbüschel aus der Mitte der Rosette empor. Von den 42 vorkommenden Arten auf den Kanarischen Inseln gibt es einige nur auf Teneriffa.
Ein Verwandter ist der Dachwurz (Aeonium urbicum) , der wie sein Name schon sagt, überall auf den Dächern von Häusern oder Mauern zu sehen ist. Bei Busausflügen wird der Sonchus häufig als prächtiger Löwenzahn vorgestellt (auf kanarisch: Ceraja). Mit seinen Sägezahn förmigen Blättern sieht er in der Tat dem Löwenzahn ähnlich. Es handelt sich aber um eine Saudistel, die zwischen Februar und April gelbe Blüten zeigt. Sie werden bis zu einem Meter hoch.
Endemisch auf Teneriffa ist auch die Teide-Margerite. Deren Blüten sind kleiner als die in Deutschland heimischen Margeriten- eher der Kamillenblüte ähnlich. In Büscheln wachsen sie zwischen Steinen und gedeihen auch noch in den eher unwirtlichen Cañadas. Blütezeit etwa ab März.
Etwas ganz Besonderes ist das Teide-Veilchen (Viola cheirautifolia). Das findet man nur auf dem Vulkan-Berg von Teneriffa (Blütezeit: Mai bis Juni). Dort wächst es bis in einer Höhe von 3.700 Metern an den mit Bimsgeröll bedeckten Abhängen. Ein bisschen erinnert diese botanische Seltenheit an unser geliebtes Stiefmütterchen. Wer denkt, das mit den 3.700 Metern stimmt nicht, weil er auf der Straße von La Laguna zu den Cañadas zwischen 1.500 und 1.600 Metern Höhe ein solches Veilchen gesichtet hat, freut sich zu früh – es handelt sich um das ebenfalls schön anzusehende Wald-Veilchen.
In der schroffen Lavafelsen-Landschaft der Cañadas findet man noch weitere Endemiten. Die Teide-Besenrauke, ein mannshoher, leuchtend goldgelber Busch. Er blüht von Mai bis Juni. Die Teide-Skabiose erkennt man an dem flachen Wuchs mit dicken Polstern. Ihre rosarote Blüten entfaltet sie zwischen Mai und Juli. Die Teide-Katzenminze bringt ihre in etlichen Etagen um den Trieb geordneten, dunkelvioletten Blüten zwischen April und Juni hervor.
Absoluter Höhepunkt für die Pflanzenfreunde aber ist, wenn der Rote Teide-Natternkopf blüht. Sie wird auf der Insel auch “Stolz Teneriffas” genannt. Die Einheimischen bezeichnen sie liebevoll mit Arrebol - als Morgenröte. Der gebräuchliche Name für alle Natternkopfarten ist Taginaste. Die Pflanze dieser Gattung, die auf Teneriffa heimisch ist, gleicht einem monströsen Fuchsschwanz – wissenschaftlich heißt sie Echium wildpretii. Diesen Namen erhielt sie zu Ehren von Urgroßvater Hermann Wildpret, dem Gestalter des Botanischen Gartens von La Orotava. Der Natternkopf blüht Anfang Juni und gibt der Felsenwelt der Cañadas reichhaltig Farbe. Man findet sie dort oben in 2000 Metern Höhe überall am Rande der Wanderwege und im Umkreis des Parador (staatliches Hotel) mitten im Nationalpark.
