Dass man sich einem Vulkan nähert, sieht man schon beim Anflug auf Teneriffa. Selbst wenn der Atlantik von einer geschlossenen Wolkendecke verdeckt wird – der Teide ragt mit seinen 3.718 Metern majestätisch daraus hervor. Eigentlich ist der Teide ja über 6.718 Meter hoch, weil er unter Wasser erst in einer Tiefe von ca. 3.000 Metern den Erdboden berührt.
Teneriffa gehört zu der Inselgruppe der Kanarischen Inseln zu denen auch Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria, La Gomera, La Palma und El Hierro gehören. Weniger bekannt sind die kleinen Eilande, die ebenso zu den Kanaren gehören: Isla de Lobos, La Graciosa, Roque del Este, Roque de Oeste, Allegranza und Montaña Clara. Davon sind nur wenige bewohnt und für einige braucht man eine Sondergenehmigung, wegen der dort lebenden Tiere.
Ursprünglich, vor 5-7 Millionen Jahren, gab es drei Inseln: Das Teno-Gebirge, die Gegend um Adeje und das Anaga-Gebirge vereinten sich durch vulkanische Aktivitäten zu einer Insel – Teneriffa. Bis zum vorerst letzten Ausbruch des Chinyero 1909 hat sich das Gesicht der Insel immer wieder verändert.
Die Entstehung haben die Inseln einem so genanten “Hotspot” zu verdanken. Das heißt, die obere Erdplatte hat sich verschoben und der Hotspot hat immer neue Vulkane und somit Inseln entstehen lassen. Heute befindet sich der vulkanisch relevante Teil im Nordwesten von Teneriffa, auf La Palma und El Hierro.
Seriöse Wissenschaftler gehen davon aus, dass in der nächsten Zeit kein Vulkanausbruch auf Teneriffa zu befürchten ist. Das Cabildo der Insel betont, dass jederzeit ein sicherer Urlaub möglich ist. Ein Notfallplan ist vorhanden. Der Teide ist kein “brutaler Vulkan”. Bei keiner der Eruptionen ist je ein Mensch ums Leben gekommen.
Wer immer genau wissen will, wie es um den Teide steht, der kann sich auf der Seite des IGN (Instituto Geográfico Nacional) in Echtzeit informieren.
Im Jahr 2004 wähnte man sich einem Ausbruch nahe und die Wissenschaftler zeigten, dass sie eigentlich nichts wussten.
Mehrere Wissenschaftler warnten im Mai 2004, Teneriffa stehe ein Vulkanausbruch bevor. Sie meinten, einzelne Ortschaften könnten von glühenden Lavaströmen bedroht sein. Kleine Erdbeben im Norden der Kanareninsel hatten Möbel und Geschirr in den Häusern zum Wackeln gebracht und die Vulkanologen aufgeschreckt.
Größere Mengen von Magma steige in dem 3.718 Meter hohen Pico del Teide auf, drücke anscheinend Gestein auseinander und brächte den Untergrund zum Erzittern. So argumentierten die Forscher. Die symbolische Alarm-Ampel Teneriffas wurde schon mal auf Gelb gestellt, was Wachsamkeit bedeutet. Die Folge waren chaotische Wochen auf der Ferieninsel im Atlantik.
In Erwartung einer drohenden Katastrophe legten viele Bewohner Vorräte an und kauften die Regale der Supermärkte leer. Manche verbrachten die folgenden Nächte voll bekleidet im Freien, um bei einer Eruption so schnell wie möglich flüchten zu können. Politiker und Vulkanologen verdächtigen sich öffentlich, falsche Informationen zu verkünden: “Alarmismus” verunsichere Touristen, maulten die Einen - Unehrlichkeit gefährde die Bewohner, unkten die Anderen.
Ausländische Medienberichte fachten den Streit weiter an: Eine Boulevard-Zeitung nahm die Katastrophe vorweg und taufte Teneriffa um in “Terroriffa”. Am 20. Oktober 2004 nahm die Aufregung dann ihren Höhepunkt: Anwohner sahen eine “Rauchwolke” über dem Gipfel des Teide. Notrufe brachten das Telefonnetz zum Zusammenbruch. Stunden später gaben die Behörden dann Entwarnung: Es handelte sich nur um eine Schönwetter-Wolke. Der Pico del Teide ist bis heute ruhig.
Immer noch rechnen die Forscher noch miteinander ab. Manche äußern sich so derb, wie es für wissenschaftliche Beiträge in Fachjournalen unüblich ist: Die Warnungen hätten jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt, schreibt eine Gruppe um Juan Carlos Carracedo von der Station für Vulkanologie in La Laguna auf Teneriffa.
Es sei ein Fehlalarm gewesen, der die Seriosität der Forscher in Frage stelle und die Tourismus-Wirtschaft ohne Not in Schwierigkeiten gebracht habe. Fakt ist aber auch: Carracedo hatte im Mai 2004 ebenso vor einem Ausbruch gewarnt. Schon wenige Wochen später monierte er dann aber den “Alarmismus” seiner Kollegen.
Die Erdbebendaten seien falsch interpretiert worden, meint Carracedo jetzt. Die Beben hätten nur scheinbar zugenommen. Früher seien Erschütterungen auf Teneriffa in dieser geringen Intensität nicht registriert worden, weil bis dahin auf Teneriffa noch keine entsprechenden Messgeräte installiert gewesen seien. In Wirklichkeit sei der Inselboden nicht unruhiger geworden. Vermehrt aus dem Vulkan strömendes Kohlendioxid hätte man als Anzeichen für aufquellendes Magma gedeutet. Schwächerer Luftdruck habe bewirkt, dass das Gas dem Berg schneller entweichen konnte, schreibt Carracedo. Der Vulkan gibt ihm wahrscheinlich recht: Er hat sich beruhigt - Teneriffas Alarm-Ampel zeigt wieder Grün.
Die Gegenspieler sind von Carracedos Argumenten jedoch nicht überzeugen. Die Ruhe des Teide sei trügerisch, der Vulkan tatsächlich erwacht, mahnen andere Wissenschaftler. Indizien häuften sich, dass sich im Berg Magma Richtung Oberfläche bewege und in den nächsten Jahren ausbrechen könnte, schreiben nun andere Expertengruppen unabhängig voneinander in Geophysik-Magazinen.
Und wer sich wie Javier Almendros die gesammelten Daten genauer ansieht, kann Gruseliges entdecken: Das Geräusch, das die Beben im Frühjahr 2004 verursacht haben, hätte geklungen wie Wasser, das durch eine Leitung fließt, berichtet der Forscher von der Universität Granada in Spanien in einer Ausgabe des “Journal of Volcanology and geothermal Research”. Magma-, Wasser- und Gasströme seien die Ursache für die Erschütterungen, folgert Almendros. Die Beben seien also auf keinen Fall harmlos gewesen.
Die Erdstöße und die Daten der Gasmessungen erzählen laut Almendros eine beunruhigende Story: Im April 2004 strömte Magma in die Nordwestflanke des Teide und presste Gase aus dem Untergrund. Am 18. Mai erschütterte der Gasdruck eine Grundwasserschicht im Schlot des Vulkans.
Die folgende Reihe leichter Erdbeben sensibilisierte die Öffentlichkeit. Wochen später entdeckte Alicia Garcia vom Forschungszentrum CSIC in Madrid, dass vermehrt Dämpfe - sogenannte Fumerolen - aus der Tiefe stiegen. Damals sei der Teide erwacht, schreibt die Vulkanologin in Eos.
Messungen der Gravitation, die sich je nach Art des Untergrundes leicht verändert, bestätigen das Szenario. Damit entdeckten Forscher um Joachim Gottsmann von der Universität Bristol, dass eine Substanz in den Vulkan eingedrungen ist - und zwar in jeden Bereich, in dem vermehrt Erdbeben registriert worden sind. Magma und heißes Wasser stieg auf, vermuten daher auch Gottsmann und Kollegen in den Geophysical Research Letters (Bd. 33, 2006). Ein Ausbruch sei “statistisch überfällig”, ist die Meinung von Gottsmann - der Teide sei ungewöhnlich lange ruhig geblieben.
Im Augenblick bestehe keine akute Gefahr, darüber sind sich die Experten einig. Der letzte große Ausbruch des Teide liegt rund 200.000 Jahre in der Vergangenheit. Wer Teneriffa über die Autobahn umrundet, kann die Spuren der Eruption sehen: Die karge Landschaft besteht aus den Sedimenten mächtiger Aschewolken, Schlammlawinen und Bimsstein, die damals über die Insel katapultiert wurden. Die Eruptionen der vergangenen Jahrtausende blieben dagegen örtlich begrenzt. 1909 floss die letzte Lava zu Tal – und zwar aus der Nordwestflanke des Berges in Richtung Santiago del Teide.
Kleinere Ausbrüche seien immer möglich, sagt Hans-Ulrich Schmincke vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. Er hatte jahrzehntelang auf den Kanaren geforscht. Der Norden und der Westen Teneriffas gelten einer 2005 veröffentlichten Risikokarte zufolge als wahrscheinlicher Ort künftiger Eruptionen. Exakt in der Region konzentrieren sich die Beben. Erdstöße seien jeweils den Ausbrüchen vergangener Jahrhunderte vorausgegangen, erklärt Almendros. Vor einer Eruption würde die Erde aber häufiger beben als heute.
Doch eindeutige Alarmsignale gebe es nicht, dozierte der Vulkanologe Joan Martí vom Erdforschungs-Zentrum CSIC in Barcelona auf der Tagung der “Europäischen geowissenschaftlichen Union” in Wien. Es sei rundherum unklar, wie sich der Teide vor einem Ausbruch verhalte. Über den Vulkan sei zu wenig bekannt, bestätigt Gottsmann. Die Überwachung des Vulkans vor 2004 sei lachhaft gewesen. Seine spanischen Kollegen hätten es unterlassen, rechtzeitig ein Messnetz auf dem Berg einzurichten, das meint auch Schmincke.
Die Meinungsverschiedenheiten unter den Wissenschaftlern erschweren die Erforschung des Vulkans. So beklagen sich etwa Vulkanologen, dass sie sich zu wenig mit den Erdbebenkundlern austauschen könnten. Immerhin wurden auf dem Berg tatsächlich Sensoren installiert, um den Teide besser zu überwachen. Mit den Daten soll bei der nächsten Krise des Vulkans ein Chaos, wie es sich im Jahr 2004 zugetragen hat, verhindert werden.
